Freiheit

Achtundzwanzig Jahre lebe ich,
lebe frei
nach meinem Willen.
Aufrecht,
mein Gewissen als Kompass.
Freiheit –
ich schmecke sie heute
selbstverständlicher als damals.
Damals, als ich nach ihr lechzte,
heimlich
in fremden Wörterbüchern
suchend nach mir selbst.
Auf der Straße, die Mauer
der Staatsgewalt meinte,
mich schützen zu müssen
vor der Freiheit.
Die Mauer schrie ich fort
aus meiner Seele.
Ja, sogar die Mauer in meinem Kopf,
die Maske vor meinem Gesicht,
die Krücken in meinen Händen.
Der ganze Kitt brach auseinander.
Nur Kitt hielt meine Insel
und ich floh.
Freiheit –
welch ein Segen!
Nur den Segen ahnte ich,
nicht die Last.
Auszuhalten ungeliebte
Reden ohne Gewalt,
Gegenargumente suchend.
Nun bin ich frei,
frei zu bleiben, zu gehen,
frei zu reden und zu schreiben,
frei zu fragen und zu hinterfragen,
frei zu wählen.
Ja, ich darf wählen,
fällt es mir auch schwer
im Dschungel der Wirrnis.
Ich darf, selbst irren ist kein RECHTSbruch,
ein Verbrechen könnte es sein
an der Menschlichkeit – meine Wahl.
Doch was ich auch wähle,
was du auch wählst,
bedenke –
denke an die Zeit,
als mein Mund zu oft schwieg aus Angst,
meine Augen immer den Lauscher suchten,
ich nur hören, lesen, sehen durfte, was ich sollte,
die Gefängnismauern undurchdringlich,
Kunst und Wissenschaft ein Sumpf waren.
Ich wählte das Recht
zu lieben und geliebt zu werden.
Ich wählte das Recht
zu teilen und Teil des Ganzen zu sein.
Ich wählte meine Freiheit.

Sei still, wir sprechen nicht vom Altern

Nun bin ich völlig durchgeknallt
sie sagen im Geheimen:
Sie macht auf Jung mit viel Gewalt.
Wo ihre Falten keimen,
da helfen Salben nicht und Kur
da muss sie´s eingestehen. Nur,
wer spricht schon gern vom Altern.
Die Dritten sind in ihrem Mund
sie mag es gern bestreiten.
Die Muskelkraft ist auch im Schwund
es kommen kalte Zeiten.
Vergesslichkeit, was wollt ich nur?
Mir fehlt doch nichts, wo war die Spur?
Wer spricht schon gern vom Altern?
Der beste Freund ist jetzt mein Arzt
die Knochen zu kurieren
ich höre förmlich wie es knarzt
ich darf nicht dehydrieren
und trinke Wasser schon vom Fass
die Hose ist so ständig nass.
Wer spricht schon gern vom Altern?
Wer holt mich in sein Boot?
Ich steh auf Wartelisten
für Krücken, Altenheim und Tod.
Es streiten sich die Christen.
Wem könnte ich noch nützlich sein,
mit Gehgefährt und Zipperlein?
Sie sprechen nicht vom Altern.
Geduld, Geduld, hab´s fasst geschafft,
begreife jetzt das Ende.
Die Rente wurde auch gestrafft,
ergibt sich hier die Wende?
Na klar, ihr meint es alle gut!
Verliere nur den Lebensmut
und spreche nicht vom Altern.

Ich lebe meine Träume

Doch Bruder, glaube mir, die Welt
ist voller bunter Wunder.
Sie schenkt so viel was mir gefällt
so scheint mein Leben runder
mit jedem Tag im Morgengrau
an dem ich mich aufs Neue trau
zu Leben meine Träume.
Ich trinke Kaffee mit dem Mann
mit dem ich alles teile.
Ich spüre Wärme, schau ihn an,
es halten uns die Seile
Vertrauen, Glück in Moll und Dur,
so gehe ich in dieser Spur,
zu Leben meine Träume.
Den Brief, den gestern ich empfing,
von meinem Sohn geschrieben,
enthält wie stets den gleichen Wink,
er wird mich immer lieben.
Betrübt es auch das Mutterherz,
er zog hinaus so ganz im Scherz,
zu Leben seine Träume.
Der Nachbar winkt erfreut mir zu:
„genießen sie den Garten“.
Erfreulich wächst es hier im Nu,
Ich kann es kaum erwarten,
zu ernten was ich eingesät.
Für Neues ist es nie zu spät,
so Leben meine Träume.
Die Welt ist voll von diesem Glück
und bunt ist dieses Leben.
Ich nahm davon ein großes Stück
bedanke mich fürs Geben.
Ich fühle mich so sehr geliebt
von Menschen, die es für mich gibt.
Ich lebe meine Träume.

Streitkultur

Der Streit, die Kultur / typisch denke ich. Der Streit ist männlich und mein Inneres wehrt sich.
Wehrt sich gegen das Vorrecht der Männer. Nein, Frauen benutzen nur allzu oft andere Mittel um einen Kampf auszutragen.
Mit der Muttermilch trinken wir auch diesen Part. Trinken Realitäten von Macht, Obrigkeit und den Geboten. Aber welche Gebote?
Die einzige Religion die zählt ist mein Herz, war es immer. Aber Vorsicht!
Vorsicht trank ich mehr als alles andere. Ich lese in den Augen der Mutter die Angst. Überall können unsichtbare Ohren unsere Worte von der Zunge tragen.
Wiederworte / eigene Meinungen waren verboten / dadurch wurde aber genau die gegenläufige Kraft in mir mobilisiert.
Es mag falsch sein, was ich sage, aber ich möchte sagen dürfen / dürfen ohne die Angst in Mutters Augen zu spüren. Wie uneinsichtig Kinder sind, mit ihrem Denken.
Selbst die Mütter müssen sich hüten / vor ihren Worten / ihrem eigenen Fleisch und Blut / nichts anvertrauen / zum Schutz. Überall war der „VEB Horch und Guck“.
Könnten sie meine Gedanken erraten / im Gesang der Laubenpieper Misstöne finden?
Lauben gehörten immer schon an den Rand der Städte.
Jeder Staat hat sein eigenes Gesangbuch. Schreihälse wurden immer gejagt. Doch wo Gras niedergetreten wird entsteht ein Weg. Ein Weg um Mauern einzureißen und Positionen zu beziehen.
Manchmal stellte ich mich tot. Aber mein Tod beeindruckte niemanden. Ich fühlte mich wie ein Niemand / ohne eigene Meinung. Nur meine Gedanken waren nicht totzukriegen.
Nichts ist wichtiger als standhaft zu sein / standhaft um Freiheiten zu kämpfen.
Wo das Denken und die Meinungsäußerung mit Verfolgung und Gefängnis bestraft wird, wird der Mensch zum Maulkorbhund. Es gibt genügend Möglichkeiten den Einsatz des Maules einzuschränken und das Beißen zu verhindern. Doch die Instinkte schärfen sich und das Gemeinschaftsgefühl / aus der Not geboren / gibt unentdeckte Kräfte frei.
Gedanken sind Erde / die Worte tragen die Ernte.
Jetzt darf ich laut streiten um Alles / alles was mir wichtig und lebenswert scheint.
Auch ich kann mich verirren, auf meinen Wegen. Hoffe, es finden sich dann Rebellen, die mit mir ins Gefecht gehen, mir Wege zeigen.

trichter der gewalt

trichter der gewalt
unbemerkt fallstricke gezogen
stolpert sie im minenfeld
kränkungen detonieren
schuldzuweisungen
nehmen gefangen
bis zum nächsten
unerwarteten
gefecht
sucht
sie
auswege
meidet jeden fehltritt
aus dem hinterhalt schlägt er zu
hilflos erträgt sie die wucht der explosion
entkommen scheint unmöglich
entmenschlicht
aufs ende
wartet
sie
blessuren
von scham getarnt
verbleiben im teufelskreis
die salbung aus reuebekenntnisse
bis alles von vorne beginnt
oder sie durchschneidet
die schlinge und
flieht